Headerbild Barrierefreies Skifahren

Barrierefreies Skifahren: Was es wirklich braucht

  • Barrierefreies Skifahren ist in Südtirol noch längst kein Standard. Damit es gelingt, braucht es eine offene Haltung, qualifizierte und geduldige Lehrpersonen, passende Hilfsmittel sowie eine barrierearme Infrastruktur.
  • Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Skischulen und Aufstiegsanlagen über Verbände und Fachstellen bis hin zu Beherbergungsbetrieben und Gastronomie.
  • Die Landesberufskammer der Skilehrer in Südtirol organisiert im November 2026 einen Spezialisierungskurs für den Skiunterricht mit Menschen mit Beeinträchtigung.
  • In Sulden hat man mittlerweile Erfahrung mit blinden und sehbehinderten Gästen gesammelt. Geschulte Skilehrer:innen, ruhige Pisten und Funkgeräte des Blindenverbands ermöglichen ein sicheres Skierlebnis.
  • Sandro Serani, Leiter der Skischule Innichen, verfügt über langjährige Erfahrung im Unterricht von Menschen mit körperlichen Behinderungen und über technisches Wissen aus der Prothetik. Geeignete Spezialgeräte organisiert er über ein Netzwerk von Behindertensportgruppen und Partnern.
  • In Carezza stimmen sich Skischule und Aufstiegsanlagen eng ab, wenn größere Gruppen von Gästen mit Querschnittslähmung vor Ort sind.

Seit rund zwei Jahren kommt ein blinder Gast zum Skifahren nach Sulden. Wenn möglich, ist immer derselbe Skilehrer an seiner Seite – das schafft Vertrauen und Sicherheit. „Er fühlt sich wohl bei uns“, sagt Joachim Ritsch, Direktor der Skischule Sulden. Auch die vergleichsweise ruhigen Pisten helfen: Das sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass er sich auf der Piste sicher bewegen und das Skifahren genießen kann. Denn für den Gast, setzt Ritsch nach, „bedeutet Skifahren Freiheit“.

Ein paar Voraussetzungen sind grundlegend: ausreichend Platz auf der Piste, empathische und geduldige Menschen sowie eine gute Abstimmung zwischen den Beteiligten. Was darüber hinaus nötig ist, hängt stark von der jeweiligen Beeinträchtigung ab. Je nach Gast braucht es anderes Fachwissen, andere Hilfsmittel und andere Rahmenbedingungen. Genau das macht barrierefreies Skifahren anspruchsvoll: Es gibt keine Lösung, die für alle passt.

Erfahrung und Wissen sind entscheidend

Einer, der das besonders gut kennt, ist Sandro Serani, Leiter der Skischule Innichen. Er arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen mit körperlichen Behinderungen und bringt durch seine Tätigkeit im Bereich Prothetik zusätzlich technisches Wissen mit.

Gerade bei Querschnittslähmungen, Amputationen oder beim Skifahren im Sitzen können Details entscheidend sein. Lehrpersonen müssen beispielsweise wissen, welche körperlichen Besonderheiten zu berücksichtigen sind, wie mit orthopädischen Hilfsmitteln umzugehen ist und worauf bei längeren Aufenthalten in der Kälte geachtet werden muss.

„Es ist hauptsächlich der soziale Gedanke, der mich antreibt. Ich möchte, dass auch Menschen mit einer Behinderung diesen Spaß erleben können.“
Sandro Serani
Sandro Serani
Skischule Innichen

Serani hat sich deshalb auch dafür starkgemacht, dass in Südtirol wieder ein Spezialisierungskurs für den Skiunterricht mit Menschen mit Beeinträchtigung angeboten wird. Organisiert wird er von der Landesberufskammer der Skilehrer in Südtirol. Der Kurs findet im November 2026 statt und umfasst drei Module – von Amputationen und Sehbehinderungen über „Standing und Sitting“ bis zu geistigen Beeinträchtigungen. 

Sein eigenes Engagement ist vor allem sozial motiviert. Braucht ein Gast ein spezielles Gerät, organisiert Serani dieses über sein Netzwerk – etwa über die Behindertensportgruppe in Bozen oder, wenn dort nichts verfügbar ist, in Österreich. Die Leihgebühr für das Gerät gibt er an die Gäste weiter, zusätzliche Aufwände übernimmt er teilweise selbst. „Geld macht man damit keines. Es ist hauptsächlich der soziale Gedanke, der mich antreibt. Ich möchte, dass auch Menschen mit einer Behinderung diesen Spaß erleben können“, sagt Serani.

Sulden und Carezza gehen mit gutem Beispiel voran

Auch in Sulden hat sich in den vergangenen Jahren viel Erfahrung angesammelt – insbesondere im Unterricht mit sehbehinderten und blinden Menschen. Den Kontakt zum Blindenverband Südtirol und zur Blindenskischule in St. Moritz stellte die Prader Vizebürgermeisterin Michaela Platzer her und brachte damit die Beteiligten zusammen. Vor vier Jahren kam eine Lehrerin der Schule aus St. Moritz nach Sulden, fünf lokale Skilehrer:innen nahmen an einer mehrtägigen Schulung teil. Heute kommen regelmäßig vier bis fünf Kinder mit unterschiedlichen Sehbeeinträchtigungen aus verschiedenen Teilen Südtirols zum Skifahren in nach Sulden, einige davon mehrmals im Jahr.

Was ist wichtig, damit sich Menschen mit Behinderungen auf der Piste sicher und gut begleitet fühlen? Für Joachim Ritsch ist die Antwort klar: „Ruhe und Geduld. Die Gäste müssen sich wohlfühlen und wir müssen ihnen Sicherheit geben können.“ Auch Kontinuität spiele eine große Rolle. Gerade bei blinden Gästen sei es hilfreich, möglichst immer mit derselben Lehrperson zu arbeiten. Funkgeräte, die vom Blindenverband zur Verfügung gestellt werden, erleichtern die Kommunikation auf der Piste.

In Carezza soll das Know-how ebenfalls ausgebaut werden. Ein bis zwei Skilehrer:innen sollen am neuen Spezialisierungskurs teilnehmen. Für Jürgen Pardeller von der Carezza Ski School ist aber ebenso wichtig, mit welcher Haltung jemand an diese Aufgabe herangeht: „Das Wichtigste ist die eigene Einstellung und ein offenes Ohr.“ Ausbildung, praktische Erfahrung und persönliche Eignung müssen also ineinandergreifen – und selbst damit ist es noch nicht getan.

„Da muss alles zusammenpassen“

Denn mindestens ebenso wichtig wie der Unterricht sind die Rahmenbedingungen im Skigebiet. „Da muss alles zusammenpassen“, sagt Pardeller. „Es nutzt auch nichts, wenn du top ausgebildete Skilehrer hast. Es braucht auch Hotels und Restaurants.“ Denn der Skiurlaub endet auch für Wintersportler:innen mit Beeinträchtigung nicht am Lift. Geeignete Aufstiegsanlagen und Einstiegsstellen sowie ausreichend breite Pisten mit möglichst wenig Gedränge braucht es ebenso. 

Wie viel Abstimmung barrierefreies Skifahren erfordern kann, zeigt ein Beispiel aus Carezza. Im Februar werden dort zum wiederholten Mal rund 40 querschnittgelähmte Gäste aus den Niederlanden erwartet. Unterkunft, Betreuung und Ausrüstung organisieren sie selbst, vor Ort müssen Skischule und Aufstiegsanlagen dennoch eng zusammenarbeiten, damit alles reibungslos funktioniert. Für Jürgen Pardeller ist bei solchen Gruppen besonders spürbar, wie viel ihnen das Skifahren bedeutet.

„Es nutzt auch nichts, wenn du top ausgebildete Skilehrer hast. Es braucht auch Hotels und Restaurants.“
Jürgen Pardeller
Jürgen Pardeller
Carezza Ski School

Die Beispiele aus Carezza, Sulden und die Erfahrungen von Sandro Serani zeigen, dass vieles durch das Engagement einzelner Personen ins Rollen kommt – etwa wenn sie Schulungen organisieren, Kontakte zu Vereinen und Fachleuten herstellen, Spezialgeräte beschaffen oder die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren vor Ort vorantreiben. Soll das Angebot für barrierefreien Wintersport in Südtirol weiterentwickelt werden, braucht es deshalb mehr als einzelne engagierte Akteure: Erfahrungen müssen weitergegeben, Kompetenzen breiter aufgebaut und die verschiedenen Bereiche – von Skischulen über Aufstiegsanlagen bis hin zu Gastronomie und Beherbergung – gut aufeinander abgestimmt werden.

Wie stehst du zu diesem Thema? Was ist nötig, damit barrierefreies Skifahren in Südtirols Skigebieten keine Randerscheinung mehr ist? Diskutiere mit der Community und teile deine Erfahrungen, Ideen und Best Practices in den Kommentaren.

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