Nachhaltigkeit bedeutet mehr als Ressourcenschonung und regionale Wertschöpfung. Sie umfasst auch die soziale Dimension – die Frage also, wer teilhaben kann. Inklusion ist dabei kein zusätzliches Schlagwort, sondern ein zentraler Bestandteil eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsverständnisses. Gerade im Tourismus heißt das: Natur- und Freizeiterlebnisse so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen Zugang haben. Denn sportliche Angebote entfalten ihren Wert erst dann voll, wenn sie nicht ausschließen, sondern verbinden.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Alpe Cimbra, das Tourismusgebiet rund um Folgaria, Lavarone, Lusern und Vigolana. Die dortige Skischule Scie di Passione setzt sich seit über zehn Jahren unter dem Motto „4ALL“ für einen inklusiven Wintersport ein. Welche Haltung dahintersteht, welche Maßnahmen umgesetzt wurden und welche Erfahrungen man gesammelt hat, darüber spricht Stefano Carbone, technischer Leiter der Skischule.
Gab es einen bestimmten Moment, der den Weg hin zu einem inklusiven Wintersportangebot angestoßen hat?
Im Februar 2011 kamen 130 Schüler:innen aus Schio zu einem Tagesausflug ins Skigebiet Folgaria. Die Kinder mit und ohne Behinderung fuhren gemeinsam Ski und das klappte gut. Die Begeisterung war so groß, dass noch im selben Jahr „Scie di Passione“, ein Verein für Skilehrer:innen mit Sitz am Coe-Pass, gegründet wurde. Das damals zehnköpfige Team war nicht nur auf Skiunterricht für Menschen mit Behinderung (aufgrund von Mobilitäts-, Sinnes- und kognitiven Einschränkungen) spezialisiert, sondern auch motiviert, dem Anspruch unseres Projekts gerecht zu werden: Sport für alle fördern und die Wintersport-Kultur für Menschen mit Behinderung verbreiten. Andere Organisationen, die sich damals mit dem Thema Behinderung beschäftigten, hatten wechselnde Standorte. Wir hingegen wollten eine feste Struktur und somit einen dauerhaften Bezugspunkt schaffen.
Wie ging es weiter?
2012 wurde Scie di Passione offiziell von der Provinz Trient als Skischule anerkannt. Der Lehrkörper erweiterte sich von zehn auf 18 Personen und das Angebot an Mono- und Dualskis für inklusiven Skisport wurde von sechs auf neun Geräte erweitert. In der Saison 2013/14 zählte die Schule schon 24 Lehrer:innen und eröffnete einen zweiten Sitz am Mendelpass. 2017 wurde das Angebot für Menschen mit Behinderung in Alpe Cimbra schließlich um Sommeraktivitäten ergänzt.
Welches Equipment stellt die Skischule den Kursteilnehmenden zur Verfügung?
Im Wintersport-Bereich bieten wir Dualskis zum gemeinsamen Skifahren mit der Lehrkraft an, Monoskis für diejenigen, die eigenständig Ski fahren können, Bassboards fürs begleitete Snowboardtraining und Sitzskis für den Langlauf. Im Sommer stellen wir klassische Handbikes mit Tretunterstützung für Bergtouren sowie Joëlettes bereit – einen einrädrigen Rollstuhl, der es allen Menschen mit Behinderung ermöglicht, mit der Hilfe von zwei Begleitpersonen an Wanderungen teilzunehmen. Sehr beliebt ist auch das Klick Monster: Der Rollstuhl mit Offroadrädern und motorisiertem Vorderrad ermöglicht ein eigenständiges Fortbewegen auf Waldwegen. Im Sommer besteht zudem Gelegenheit, mit unseren Begleitpersonen auf dem Lavarone-See Kajak zu fahren. Dort stehen Menschen mit Behinderung reservierte Parkplätze, eigene Dienstleistungen und ein Strand mit barrierefreiem Wasserzugang zur Verfügung. Zu guter Letzt bietet die Orienteering-Schule von Alpe Cimbra barrierefreie Routen an, die sowohl zu Fuß als auch mit E‑Bikes, Handbikes und Tandems und somit wirklich für alle zugänglich sind.
Was bedeutet es konkret, „Skifahren für alle“ anzubieten? Welche strukturellen und organisatorischen Anpassungen müssen dafür in einem Skigebiet vorgenommen werden?
Entscheidend für die Umsetzung ist das abgestimmte Zusammenspiel mit der Ski Area Alpe Cimbra, das sich auf drei Säulen stützt: Zunächst muss es eine Gruppe von Skilehrer:innen geben, die speziell im Umgang mit verschiedenen Behinderungen geschult ist. Hinzu kommt die geeignete Ausrüstung, die wir kostenlos an die Kursteilnehmenden verleihen. Außerdem ist es wichtig, mit anderen lokalen Betrieben wie Schutzhütten und Unterkünften zusammenzuarbeiten, da sie sich auf die Anforderungen dieser Gäste einrichten mussten.
Welche Größenordnung hat das inklusive Angebot mittlerweile angenommen?
Unsere Schule beschäftigt rund 30 Fachlehrkräfte, die auf über 100 km Piste jedes Jahr in fast 3000 Stunden um die 1000 Schüler:innen mit Behinderung unterrichten. Die meisten Teilnehmenden stammen aus der Region und dem Rest Italiens. Aus dem Ausland stammen nicht so viele, doch die Tendenz ist steigend. Zusätzlich zu den Kursen richten wir verschiedene Veranstaltungen für Sportler:innen mit Behinderungen jeder Art aus.
Dafür muss aber die gesamte touristische Servicekette im Skigebiet funktionieren: Ist Inklusion im gesamten Skigebiet selbstverständlich?
Ja. Und das fängt schon beim Parken an: Am Coe-Pass sind zehn Autostellplätze in Pistennähe reserviert. Was das Gastgewerbe betrifft, so gibt es neben behindertengerechten Hotels und Apartments auch 11 Schutzhütten im Skigebiet Folgaria, die barrierefrei und mit Rollstühlen ausgestattet sind, um Sitzskifahrer:innen einen schnellen Wechsel zwischen Monoski und Rollstuhl zu ermöglichen. Alle Sessellifte sind barrierefrei und verfügen über einen Extraeingang mit Vorrang. Darüber hinaus ist das Anlagenpersonal auf Gäste mit Behinderung eingestellt, verlangsamt den Sessellift und hilft beim Ein- und Aussteigen. Nicht zuletzt sind die Skipisten für jedes Niveau geeignet: Hier fahren Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Ski, denn bei uns – und das ist unser Motto – sind Behinderungen selbstverständlich.
Wie fällt das Feedback der Gäste aus?
Sehr positiv. Viele unserer Kursteilnehmenden sind so zufrieden, dass sie sich eigenes Equipment anschaffen und wiederkommen. Schön ist auch, dass Menschen jeden Alters zu uns kommen – von Kindern bis zu den über 70-Jährigen.
Wird inklusiver Skisport eher als ergänzende Nische verstanden oder als tragende Säule eines nachhaltigen Tourismuskonzepts?
Zahlenmäßig gesehen ist es sicherlich eine Nische. Das ändert aber nichts an seiner zentralen Bedeutung für die strategische Entwicklung der Region. Das zeigen die Besucherzahlen der letzten zehn Jahre, die sowohl in der Winter- als auch in der Sommersaison gestiegen sind.
Nimm diese drei Learnings mit: