Ratschings setzt auf Partizipation und Pragmatismus.

Weniger reden, mehr tun

Andrea Wieser betreut bei Ratschings Tourismus unter anderem Nachhaltigkeitsprojekte. Im Gespräch erzählt sie, wie kulturelle Nachhaltigkeit beim Almabtrieb sichtbar wird, warum Vereine wichtige Partner sind und weshalb es oft jemanden braucht, der eine Idee aufgreift und den ersten Schritt macht.

Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, denken viele zuerst an Umwelt- und Ressourcenschutz. Warum gehören für dich auch Kultur und Tradition dazu?

Weil diese Traditionen bei uns wirklich gelebt werden. Beim Almabtrieb wird beispielsweise nichts eigens für den Gast inszeniert oder verkitscht. Die Menschen, die daran teilnehmen, leben diese Tradition selbst. Genau das macht sie authentisch. Und ich glaube, das spürt auch der Gast. Der Funke springt über, weil dahinter etwas Echtes steckt.

Gleichzeitig zieht ein Almabtrieb viele Gäste an. Wie schafft man es, den ursprünglichen Charakter einer solchen Tradition zu bewahren?

Natürlich gibt es rund um den Almabtrieb mittlerweile auch ein Rahmenprogramm. Dazu gehören ein kleiner Handwerksmarkt, traditionelle Musik und typische Gerichte. Wichtig ist uns aber, dass alles zum Anlass und zur Region passt. Der Almabtrieb selbst hat ja einen ganz konkreten Hintergrund: Die Bauern feiern, dass der Almsommer gut verlaufen ist und das Vieh gesund zurückkommt. Über eine Moderation vermitteln wir den Hintergrund an die Gäste. Es wird erklärt, woher die Tiere kommen und warum sie den Sommer auf der Alm verbringen. 

Welche Rolle spielen die Vereine dabei, kulturelle Identität und Traditionen lebendig zu halten?

Eine sehr große. In unserer Feriendestination gibt es rund 100 Vereine. Deshalb ist es für uns als Tourismusorganisation wichtig, mit ihnen in engem Austausch zu stehen und offen für ihre Anliegen zu sein. Wir als Tourismusverein unterstützen beispielsweise Musik- und Kulturveranstaltungen, aber auch sportliche Events. Häufig übernehmen wir die Bewerbung oder beteiligen uns finanziell. Dabei versuchen wir gleichzeitig, ressourcenschonende Lösungen mitzudenken. Wenn wir Veranstaltungen unterstützen, knüpfen wir das zum Teil auch an bestimmte Kriterien – etwa daran, dass Pfandbecher verwendet werden

„Wenn wir Veranstaltungen unterstützen, knüpfen wir das zum Teil auch an bestimmte Kriterien – etwa daran, dass Pfandbecher verwendet werden."
Andrea Wieser
Andrea Wieser
Ratschings Tourismus

Wie kam es zu diesem Pfandbechersystem?

Die Initiative kam von uns. Wir haben die Vereinsvorstände eingeladen und die Idee vorgestellt. Die Reaktion war sehr positiv. Alle haben gesagt: Die Müllberge, die nach Veranstaltungen entstehen, sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Ursprünglich wollten wir eigene Becher mit dem Ratschings-Logo anschaffen. Dabei haben wir aber schnell gemerkt, dass die eigentliche Herausforderung nicht die Anschaffung ist, sondern alles, was danach kommt: Wo lagert man die Becher? Wer nimmt sie zurück? Wer spült sie? Aber auch da haben wir eine Lösung gefunden.

Ratschings Tourismus hat Anfang 2025 das Nachhaltigkeitslabel Südtirol Level 3 sowie die GSTC-Zertifizierung erhalten. Begleitet wurde der Prozess von einem Green Team, in dem Vertreterinnen und Vertreter aus Tourismus, Landwirtschaft, Wirtschaft und weiteren Bereichen zusammenkommen. Welche Rolle spielt dieses Gremium heute?

Im Green Team sind unterschiedliche Interessensgruppen vertreten, die unsere Feriendestination prägen. Uns war wichtig, dass ihre Anliegen dort eingebracht werden und die Themen anschließend auch wieder in die jeweiligen Bereiche und in die Bevölkerung zurückgetragen werden.

Wenn daraus konkrete Ideen entstehen, bilden wir kleinere Arbeitsgruppen. Von den rund zwölf Personen im Green Team arbeiten dann zum Beispiel vier oder fünf gezielt an einem Projekt weiter. So bleibt es nicht bei der Diskussion, sondern wir kommen relativ schnell in die Umsetzung.

Kannst du ein Beispiel nennen, bei dem das besonders gut funktioniert hat?

Ein gutes Beispiel sind die regionalen Kreisläufe. Das Thema kam aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Daraufhin haben wir eine Veranstaltung organisiert und Impulsreferate angeboten. Rund 40 Bauern waren dabei, zwölf davon wollten konkret weitermachen.

Anschließend haben wir mit den Bauern erhoben, welche Produkte sie anbieten können, und gleichzeitig bei den Gastronomiebetrieben nachgefragt, was sie benötigen. Daraus entstanden eine Angebots- und eine Bedarfsliste, die wir zusammengeführt haben.

Am Anfang haben wir die Koordination übernommen. Mittlerweile läuft vieles selbstständig. Und genau das sollte auch das Ziel sein: Wir können einen Anstoß geben und die Menschen zusammenbringen, aber irgendwann muss ein Projekt auch eigenständig weiterlaufen.

Was braucht es, damit aus einem solchen Netzwerk tatsächlich etwas entsteht?

Ich glaube, unsere Stärke ist, dass wir sehr praktisch denken. Wenn eine Idee an uns herangetragen wird, überlegen wir relativ schnell: Wie können wir daraus etwas machen? Wir diskutieren nicht endlos, sondern bilden eine kleine Gruppe und versuchen, in die Umsetzung zu kommen.

Beim Projekt zu den regionalen Kreisläufen waren beispielsweise auch schon Vertreter aus einer anderen Region bei uns, um sich anzuschauen, wie wir vorgegangen sind. Wir konnten ihnen die einzelnen Schritte zeigen und Kontakte zu beteiligten Betrieben ermöglichen. Das zeigt für mich, dass viele Projekte gar nicht unglaublich kompliziert sein müssen. Manchmal braucht es vor allem jemanden, der anfängt.

„Unsere Stärke ist, dass wir sehr praktisch denken. Wenn eine Idee an uns herangetragen wird, überlegen wir relativ schnell: Wie können wir daraus etwas machen?"
Andrea Wieser
Andrea Wieser
Ratschings Tourismus

Wenn du an Ratschings in fünf oder zehn Jahren denkst: Was sollte unbedingt erhalten bleiben?

Ganz wichtig ist für mich die Pflege der Almen und unserer Landschaft. Wenn die Almwirtschaft irgendwann wegfallen würde, hätten wir ein großes Problem. Die Landschaft wäre nicht mehr dieselbe. Und ich wünsche mir, dass die Symbiose zwischen Gästen und Einheimischen erhalten bleibt – auch in zehn Jahren sollen sie hier gut miteinander leben können.

Was können andere Destinationen von Ratschings mitnehmen?

Dass man nicht alles lange und ausführlich diskutieren muss. Wenn eine gute Idee da ist, sollte man schauen, wer dafür gebraucht wird, eine kleine Arbeitsgruppe bilden und anfangen. Wir versuchen sehr praktisch zu arbeiten und relativ schnell ins Tun zu kommen. Ich glaube, genau darin sind wir gut.

Nimm diese drei Learnings mit:

  • Traditionen bleiben glaubwürdig, wenn sie gelebt statt inszeniert werden. Kulturelle Identität entsteht dort, wo Bräuche aus der Bevölkerung heraus weitergetragen werden und Gäste daran teilhaben können.
  • Gute Zusammenarbeit bringt Ideen schneller in die Umsetzung. Wenn unterschiedliche Interessensgruppen eingebunden sind und in kleinen Arbeitsgruppen weiterarbeiten, können aus Anliegen konkrete Projekte entstehen.
  • Gute Ideen müssen auch im Alltag funktionieren. Das Pfandbechersystem zeigt: Nicht nur die Idee zählt, sondern auch Fragen wie Lagerung, Reinigung und Organisation müssen von Anfang an mitgedacht werden.

Interview: Silvia Oberrauch

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