22 kleine Füße stapfen durch die Straßen von Reschen. Begleitet von ihren Erzieherinnen ziehen die Kinder der Kita Die kleinen Seepiraten durchs Dorf. Passanten bleiben stehen, grüßen, beobachten die Gruppe. Alltagsszenen wie diese zeigen, dass mitten im Dorf etwas entstanden ist, das vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Denn die Kindertagesstätte befindet sich nicht in einem Gemeindegebäude, sondern im Hotel Das Gerstl Family Retreat. Gemeinsam mit der Gemeinde Graun, der Sozialgenossenschaft LoLa und dem Familienhotel Das Gerstl wurde dort eine öffentliche Kita geschaffen – ein bislang ungewöhnliches Modell.
Zwischen Bergblick und Morgenkreis
Zwischen Spa-Bereichen und Kletterwänden, Schwimmbädern und Spielplätzen besuchen derzeit elf Kinder die Kindertagesstätte, die auch samstags geöffnet ist. Vier von ihnen sind Kinder von Hotelmitarbeitenden. An den Vormittagen sitzen sie im Morgenkreis, spielen „Fische angeln“, malen und frühstücken gemeinsam. Der Raum mit den hellen Holzmöbeln und dem Klettergerüst erinnert eher an ein Familienwohnzimmer als an eine klassische Betreuungseinrichtung.
Auch draußen steht Gemeinschaft im Mittelpunkt. Die Kleinsten spielen auf Rutschen und Schaukeln, bauen Burgen im Sandkasten, besuchen den Hasenstall und begegnen immer wieder auch Kindern der Hotelgäste – oft unterschiedlicher Herkunft und Sprache.
Ein Mehrwert für das Dorf
Dass ausgerechnet ein Hotelneubau zum Standort einer öffentlichen Kinderbetreuung werden würde, zeigte sich erst im Laufe der Zeit. Große touristische Bauvorhaben werden vielerorts kritisch beobachtet. Sorgen über Wohnraum, Verkehr oder die Belastbarkeit von Lebensräumen spiegeln jene Diskussionen wider, die im Land geführt werden. Die Frage, wie wirtschaftliche Entwicklung, Lebensqualität und Naturschutz miteinander vereinbart werden können, beschäftigt zahlreiche Gemeinden. Auch in Reschen gab es Fragen und Skepsis. Doch als die Gemeinde während der Bauphase auf die Familie Gerstl zukam und vorschlug, die geplante interne Kindertagesstätte öffentlich zugänglich zu machen, musste sie nicht lange überlegen.
„Uns war wichtig, dass wir der Gemeinde etwas zurückgeben können“, sagt Lukas Gerstl, Geschäftsführer des Familienbetriebes. Gemeinsam mit seiner Frau Marion führt er das Hotel mit etwa 100 Mitarbeitenden. Von Anfang an arbeiten sie eng mit der Gemeinde zusammen und integrieren die öffentliche Kita schließlich fest in das Bauprojekt. Ausgelegt für bis zu 20 Kinder, bietet die Einrichtung seit September 2025 – vier Monate nach Hotel-Eröffnung – erstmals eine Kindertagesstätte im Ort. Für viele Familien ist sie nicht nur eine Entlastung im Alltag, sondern auch Beispiel dafür, wie Tourismus neben Arbeitsplätzen ebenso Infrastruktur schaffen kann.
Zusammenarbeit als Schlüssel
Schon lange hatte die Gemeinde Graun den Wunsch, eine eigene Betreuungseinrichtung aufzubauen. Vizebürgermeisterin Hannah Waldner sagt: „Der Bedarf ist in unserer Gemeinde da. Aber die Umsetzung war lange schwierig.“ Mit rund 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern und ihrer peripheren Lage stand die Gemeinde vor grundlegenden Fragen: Wie kann qualifiziertes Personal gewonnen werden? Wie lässt sich die Verpflegung organisieren? Und wo findet sich überhaupt ein geeigneter Standort? Die Zusammenarbeit mit dem Hotel beschreibt Hannah Waldner als unkompliziert und lösungsorientiert. Verpflegung und Reinigung werden vom Hotel übernommen. Außerdem holte die Vizebürgermeisterin die Sozialgenossenschaft LoLa mit ins Boot, die bereits drei kleine Kindertagesstätten im Obervinschgau betreut und die Leitung in Reschen übernehmen kann.
„Die Kita im Hotel Gerstl zeigt, wie Zusammenarbeit gelingen kann und man den Gedanken des Miteinanders bereits Kindern mitgeben kann“, sagt Lola-Direktorin Juliane Stocker. „Tourismus-Kritik ist immer ein großes Thema. Aber Tourismus und Bevölkerung können gut zusammen funktionieren, wenn es kreative Lösungen gibt.“ Es sei eine Win-Win-Situation für alle, in der Kommunikation und Vertrauen auf allen Seiten vorhanden sei.
Ein Modell mit Vorbildcharakter
Die größte Herausforderung bleibt die Frage nach dem Personal und die Möglichkeit, Vollzeitstellen anzubieten, insbesondere in peripheren Regionen. „Reschen ist für viele Arbeitskräfte einfach zu weit weg“, sagt Juliane Stocker. Also schlug sie eine neuartige Form der Beschäftigung, das sogenannte Personal-Sharing vor: Von den vier Mitarbeiterinnen teilen drei ihre Arbeitszeit zwischen der Kita und dem Kids Club des Hotels auf, während die Leiterin der Einrichtung, die selbst aus der Hotellerie kommt und die Abläufe eines touristischen Betriebes kennt, in Vollzeit angestellt ist.
Seit Eröffnung der Kita gab es schon zahlreiche Anfragen für Besuche. „Andere Betriebe sowie Kommunal-Politik und auch Politiker auf Landesebene zeigen Interesse an dem Modell“, sagt Geschäftsführer Lukas Gerstl. Eines seiner Ziele sei, für andere Betriebe ein Vorbild zu sein. „Unsere Mitarbeiter zahlen für die Kita 50 Prozent der Kosten, den Rest übernehmen wir.“ Diese Lösung könne auch für andere Betriebe interessant sein, um Familien langfristig zu unterstützen und an das Unternehmen zu binden. Auch Juliane Stocker ist überzeugt: „Viele Mütter sind berufstätig und tragen gleichzeitig den Hauptteil der Care-Arbeit. Südtirol hinkt, was Vereinbarkeit betrifft, immer noch hinterher und hält sich fest an der Frage, ob man die Kitas überhaupt braucht. Ja, wir brauchen sie.“
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Autorin: Dunja Smaoui