Vom Wildkraut zum Markenzeichen

Vom Wildkraut zum Markenzeichen

Wenn im Frühjahr am Deutschnonsberg die ersten gelben Tupfer die Wiesen durchziehen, ist es Zeit für die Löwenzahnwochen - ein kulinarisches und kulturelles Projekt, das heute weit über die Region hinausstrahlt. Entstanden ist es 1996 im Rahmen eines LEADER-Programms zur Entwicklung des ländlichen Raums, mit dem Ziel, peripheren Gegenden neue Impulse zu geben.

„Es wurde ein inhaltlicher Zugang gesucht, der die Eigenschaften des Gebietes hervorhebt und eine touristische Entwicklung ermöglicht“, weiß Mirko Mocatti, Gastgeber im Hotel Gasthof Zum Hirschen in Unsere Liebe Frau im Walde und Präsident des Tourismusvereins. „Mit dem Projekt bekamen wir eine mediale Aufmerksamkeit, nicht nur in Südtirol, sondern auch im Trentino. Es gab einen richtigen Ansturm an Gästen“, erinnert sich Edith Kofler, Seniorchefin im Hirschen und Mutter von Mirko.

Für ihn steht der Löwenzahn für den Auftakt in die wärmere Jahreszeit: „Er ist der erste Botschafter des Frühlings – wie kleine Sonnen, die nach dem Winter Energie bringen. Der Löwenzahn kämpft sich auch durch die härtesten Böden durch, das finde ich beeindruckend.“

„Es ist ein Selbstläufer geworden, aber nur, weil viele mitdenken und das Projekt mittragen.“
Mirko Mocatti
Mirco Mocatti
Gasthof Zum Hirschen

Vom Projekt zur Identität

Was als Initiative begann, hat sich über die Jahre zu einem identitätsstiftenden Element entwickelt. „Durch die Löwenzahnwochen ist viel Wissen in das Gebiet eingeflossen und wir waren imstande, ein klares Profil aufzubauen – etwas, womit sich Einheimische und Gäste gleichermaßen identifizieren“, sagt Mirko. Heute organisiert der Tourismusverein die Löwenzahnwochen, viele Abläufe haben sich eingespielt, gleichzeitig lebt das Projekt von der aktiven Beteiligung der Betriebe. „Es ist ein Selbstläufer geworden, aber nur, weil viele mitdenken und das Projekt mittragen.“ Eine kleine Gruppe engagierter Gasthäuser beteiligen sich aktuell an den Spezialitätenwochen – von der einfachen Trattoria über den Gasthof bis hin zum Restaurant. Jeder interpretiert den Frühlingsboten auf seine eigene Art und Weise, wodurch eine bemerkenswerte Vielfalt an Gerichten entsteht.

Kulinarik zwischen Tradition und Kreativität

Gerade weil Löwenzahn oft als einfaches Wildkraut wahrgenommen wird, liegt darin sein Reiz. „Viele Gäste wissen gar nicht, dass man ihn essen kann – und sind dann überrascht, wie vielseitig er ist“, so Mirko, dessen Schwester Ingrid Mocatti Küchenchefin im Restaurant CERVO im Gasthof Zum Hirschen ist. Sie bietet im Rahmen der Löwenzahnwochen einen Workshop an, in dem sich alles um das frühlingshafte Kraut dreht.

In der Küche der teilnehmenden Betriebe reicht die Bandbreite von klassischen Salaten bis zu innovativen Interpretationen: Löwenzahnwurzel wird zu Kaffee verarbeitet, eingelegt oder fermentiert, die Blüten zu Honig oder Karamell für Desserts. „Da ist viel Kreativität gefragt – auch, weil wir Stammgäste haben, die jedes Jahr Neues erwarten.“ Rund 90 Prozent der Gäste stammen aus Südtirol und dem Trentino, schätzt Mirko.

Parallel dazu entstehen Kooperationen mit der Landwirtschaft: Ein landwirtschaftlicher Betrieb produziert Frischkäse mit Löwenzahn, ein anderer verarbeitet ihn in Kaminwurzen, Schinken und Mortadella, einer traditionellen geräucherten Salamispezialität aus dem Nonstal. „Das Projekt hat auch die Bauern inspiriert, neue Produkte zu entwickeln.“

Drei Perspektiven auf ein Kraut

Ein zentrales Element der Löwenzahnwochen ist die Verbindung von Kulinarik und Wissen. Was auf dem Teller entsteht, findet seine Entsprechung im Rahmenprogramm – und umgekehrt. „Nicht nur in der Küche ist Kreativität gefragt, sondern auch in der Art, wie wir Wissen vermitteln und erlebbar machen“, lässt sich der Ansatz zusammenfassen.

In den Anfangsjahren der Spezialitätenwochen wurde mit Kräuterpfarrer Hermann-Josef Weidinger gearbeitet, einem ausgewiesenen Experten der Naturheilkunde, der Kräuterwissen mit spirituellen Aspekten verknüpfte. Diese Verbindung prägt das Projekt bis heute. Das Programm basiert auf drei Perspektiven: der bäuerlich-kulturellen, der botanisch-naturkundlichen und der spirituellen. „So bekommt man unterschiedliche Blickwinkel auf den Löwenzahn“, erklärt Mirko Mocatti.

Wie lebendig dieser Zugang ist, zeigt auch das aktuelle Programm: 2026 ist Kräuterpfarrer Benedikt Felsinger als Ehrengast vor Ort, der als Nachfolger Weidingers gilt. In einem Vortrag gibt er Einblicke in die Welt der Wildkräuter und ihre Bedeutung für Gesundheit, Küche und Naturheilkunde. Bei einer Kräuterbetrachtung im Rahmen eines gemeinsamen Spaziergangs werden Löwenzahn und andere Frühlingspflanzen direkt in der Landschaft erfahrbar. Gerade am Nonsberg, einem historischen Grenz- und Wallfahrtsgebiet, entsteht so ein stimmiges Gesamtbild, in dem sich Genuss, Wissen und kulturelle Tiefe miteinander verbinden.

Gemeinsam gewachsen

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt im Zusammenspiel der Beteiligten. „Wichtig ist, dass die unterschiedlichen Akteure zusammenarbeiten und Konkurrenzdenken in den Hintergrund tritt“, betont Mirko. Jeder Betrieb organisiert zwar seine Abläufe selbst – etwa das Sammeln des Löwenzahns –, doch das gemeinsame Thema verbindet. Drei Jahrzehnte Erfahrung haben auch gezeigt, worauf es ankommt und wo Stolpersteine liegen. „Am Anfang haben wir den Fehler gemacht, zu viel bieten zu wollen“, sagt der Hotelier. Der große Andrang habe die Betriebe teilweise überfordert. Heute ist die Strategie klarer: „Man muss authentisch und verwurzelt bleiben – lieber weniger machen, dafür mit Tiefe und fundiertem Wissen.“

Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche, kombiniert mit echter Zusammenarbeit, macht die Löwenzahnwochen zu einem Beispiel dafür, wie regionale Initiativen langfristig wirken können.

Du möchtest Löwenzahn auch in deiner Küche verwenden?

Hier findest du einige Rezepte zum Ausprobieren

Nimm diese drei Learnings von Mirko Mocatti mit:

  • Zusammenarbeit statt Konkurrenz. Erfolg entsteht dort, wo Betriebe gemeinsam an einem Thema arbeiten und sich gegenseitig stärken.
  • Weniger, aber fundierter. Lieber ein klares, gut durchdachtes Angebot als ein zu breites Programm ohne Tiefe.
  • Authentisch und verwurzelt. Das Projekt funktioniert, weil es eng mit der Region, ihren Menschen und ihrem Wissen verbunden ist.
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