Symbolbild: Hotel Luise

„Nachhaltigkeit darf nicht langweilig sein“

Ben Förtsch führt das Hotel Luise in Erlangen in dritter Generation. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Betrieb zu einem der Vorreiter nachhaltiger Hotellerie in Deutschland – und zum ersten klimapositiven Hotel Europas. Beim Event „Green Hospitality – Hotellerie und Gastronomie der Zukunft“ im April ist er Gastreferent. Dabei gibt er Einblicke in seinen Weg und zeigt, wie Nachhaltigkeit im Betrieb zum Wettbewerbsvorteil werden kann.

Du hast das Hotel mit 25 Jahren übernommen und führst es jetzt seit zwölf Jahren. Schon vor über zehn Jahren wart ihr eines der ersten klimapositiven Hotels Europas. Deine Eltern haben also schon Vorarbeit geleistet.

Wir sind seit 2010 klimaneutral und seit 2015 klimapositiv, das ist richtig. Als wir unser „Nachwachsendes Hotelzimmer“ geplant haben, hatte ich ein Gespräch mit Professor Braungardt, einem der Entwickler des Cradle-to-Cradle-Prinzips, einem Konzept für eine konsequente Kreislaufwirtschaft. Er sagte damals zu mir: Warum wollt ihr eigentlich eine Nullnummer sein? Klimaneutral heißt letztlich nur, keinen Fußabdruck zu hinterlassen, quasi nie existiert zu haben. Deshalb bin ich auch kein Fan des Begriffes Nachhaltigkeit, weil es dabei nur darum geht, der Umwelt oder dem Umfeld weniger Schaden anzurichten. Die weiterführenden Stufen der Nachhaltigkeit sind die Restoration und dann die Regeneration, um die Welt besser zu hinterlassen. Und darum geht es mir. Deshalb haben wir gesagt: Wir wollen klimapositiv sein. Aber am Ende geht es uns weniger um diesen Begriff als darum, überall im Betrieb positiven Einfluss zu schaffen – im Umgang mit dem Team, mit Lieferanten oder beim Energieverbrauch.

„Wir wollen klimapositiv sein. Aber am Ende geht es uns weniger um diesen Begriff als darum, überall im Betrieb positiven Einfluss zu schaffen – im Umgang mit dem Team, mit Lieferanten oder beim Energieverbrauch.“
Ben Förtsch vom Hotel Luise
Ben Förtsch
Hotel Luise

Du sagst, du möchtest Menschen erreichen. Wie gelingt dir das?

Indem man Alternativen zeigt und Impulse setzt. Oft sind es Kleinigkeiten: ein Gespräch auf einer Veranstaltung oder eine Idee, die jemand aufgreifen kann. Ein Hotel ist für mich ein Showroom für gute Ideen. Menschen kommen aus beruflichen Gründen oder zum Urlaub und können Inspirationen mitnehmen. Am Frühstücksbuffet zum Beispiel erklären wir, woher Produkte stammen, ähnlich wie im Supermarkt. Wenn jemand sagt: Dieses Joghurt schmeckt mir richtig gut, soll er auch wissen, wo er es kaufen kann.

 

Die „Wall of Change“ ist so ein Showroom im Kleinen. Was bekommst du für Feedback?

Es gab Zeiten, da war unsere Wall-of-Change-Webseite besser besucht als unsere Hotelwebseite. Einige Betriebe haben uns Bilder geschickt, weil sie ihre eigene Version davon umgesetzt haben, das freut uns natürlich. Interessant ist auch der Effekt im eigenen Team. Viele Mitarbeitende sehen dort erstmals auf einen Blick, was wir alles machen, die haben ja auch nicht immer den Überblick. Früher hat man vielleicht zehn Maßnahmen genannt, oft die teuersten. Aber das sind nicht unbedingt die mit dem größten Impact. Wir haben natürlich ein energetisch saniertes Haus und eine Photovoltaikanlage. Aber eigentlich ist das für jemanden, der technisch nicht versiert ist, nicht wirklich spannend. Auf der Wand kann jeder das entdecken, was er als interessant findet. Sie ist quasi unsere Antwort auf einen Nachhaltigkeitsbericht, den am Ende eh niemand liest. Die Wall of Change zeigt, dass viele kleine Dinge ebenfalls wichtig sind, sie ist eine Art interne Bildungsquelle geworden, für Gäste und für unser Team.

Was hat es mit dem „Nachwachsenden Hotelzimmer“ auf sich?

Das Konzept entstand aus dem Cradle-to-Cradle-Gedanken. Wir wollten Hotelzimmer bauen, die komplett rückbaubar sind und deren Materialien wieder in Kreisläufe zurückgeführt werden können. Holz kann beispielsweise biologisch zurückgeführt werden, Metalle lassen sich trennen und recyceln, Teppiche bestehen aus recyceltem Kunststoff. Die Zimmer haben wir ja schon vor zehn Jahren gebaut, heute ist das noch einfacher umzusetzen.

 

Ihr arbeitet im Hotel auch mit dem Konzept des biophilen Designs. Was bedeutet das konkret?

Biophiles Design basiert auf psychologischen Erkenntnissen darüber, was Menschen guttut. Es gibt 14 Grundprinzipien, die sich aus der Natur ableiten. Dazu gehören zum Beispiel Pflanzen oder natürliche Materialien, aber auch räumliche Erfahrungen wie Weite oder Ausblick, etwa bodentiefe Fenster, ein Schlüsselelement im biophilen Design, da sie die Verbindung zwischen Innen- und Außenräumen maximieren. Es geht aber auch um Strukturen und Muster, die wir aus der Natur kennen und die unser Wohlbefinden beeinflussen. Das kann sehr subtil sein. Ein Raum kann biophil gestaltet sein, ohne dass man sofort Pflanzen oder Naturmaterialien erkennt. Bei uns ist beispielsweise der Fitnessraum und der Eingangsbereich nach Kriterien des biophilen Design gestaltet, weitere Projekte sollen folgen.

 

Du hast Wirtschaftspsychologie studiert. Hilft dir dieser Hintergrund bei der Arbeit im Hotel?

Auf jeden Fall. Besonders im Marketing und in der Kommunikation. Wir versuchen zum Beispiel sehr ehrlich zu sein. Nicht alles in unserem Hotel ist perfekt – manche Zimmer sind alt und müssten renoviert werden. Statt das zu verstecken, sprechen wir offen darüber. Wir sagen den Gästen: Danke, dass ihr bei uns seid, auch wenn nicht alles perfekt ist. Seit wir so kommunizieren, sind die positiven Online-Bewertungen deutlich mehr geworden. Diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen und macht unsere Geschichte authentisch.

„Nicht alles in unserem Hotel ist perfekt – manche Zimmer sind alt und müssten renoviert werden. Statt das zu verstecken, sprechen wir offen darüber."
Ben Förtsch vom Hotel Luise
Ben Förtsch
Hotel Luise

Glaubst du, dass Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil ist?

Ja, absolut. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Für unsere Businesskunden sind Zertifikate oft sehr wichtig. Aber auch intern bringt Nachhaltigkeit Vorteile: In unserer Stadt sind wir eines der wenigen größeren Hotels, die noch privat geführt werden – die meisten anderen sind Ketten. Dass wir uns trotzdem gut behaupten können, hat viel mit Resilienz zu tun. Nachhaltigkeit bedeutet für uns auch wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit: Wir verbrauchen deutlich weniger Energie und sind dadurch weniger abhängig von steigenden Preisen. Und auch beim Personal merken wir den Unterschied: Wir erhalten mehr Initiativbewerbungen, als wir überhaupt Stellen ausschreiben. Außerdem entstehen starke Beziehungen zu Lieferanten und Partnern. Das alles zahlt darauf ein, dass wir resilient sind und wir haben somit einen großen Wettbewerbsvorteil.

 

Wenn du heute noch einmal anfangen könntest: Würdest du etwas anders machen?

Ich würde weniger kompliziert denken. Viele Lösungen sind erstaunlich einfach, wenn man das System als Ganzes betrachtet. Ein Beispiel: Wenn eine große Waschmaschine kaputtgeht, denkt man zunächst daran, sie zu ersetzen. Aber vielleicht stellt man fest, dass ein Teil der Wäsche – etwa Tischdecken – nur nötig ist, weil die Tische darunter nicht schön sind. Neue Tische könnten also Arbeit sparen, weil weniger gebügelt werden muss. Es braucht dann vielleicht auch keine große gewerbliche Waschmaschine, sondern eine kleine tut es auch. Und gleichzeitig verbessert sich dank des schönen Interiors das Gästeerlebnis. Wenn man Systeme ganzheitlich betrachtet, ergeben sich oft bessere und einfachere Lösungen.

Du möchtest Ben Förtsch live begegnen? Dann melde dich jetzt gleich an.

Veranstaltung: Green Hospitality – Hotellerie und Gastronomie mit Zukunft

Parkhotel Holzner, Oberbozen: Dienstag, 15. April 2026 | 14.30–17.00 Uhr

Hotel Therme Meran, Meran: Mittwoch, 16. April 2026 | 9.30–12.00 Uhr

Hotel Gasthof Jochele, Pfalzen: Donnerstag, 17. April 2026 | 9.30–12.00 Uhr

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