Nachhaltigkeit im Tourismus wird meist in ökologischen, wirtschaftlichen oder höchstens noch in sozialen Kategorien gedacht. Weniger Beachtung findet in diesem Kontext die kulturelle Dimension. Dabei ist gerade sie entscheidend dafür, ob eine Destination langfristig ihre Identität und ihre Alleinstellungsmerkmale bewahrt oder ob sie austauschbar wird.
Gröden, das mit dem Nachhaltigkeitslabel Südtirol Level 3 ausgezeichnet wurde, liefert mit einer jahrhundertealten Tradition im Kunsthandwerk ein gutes Beispiel für kulturelle Nachhaltigkeit. Im Gespräch mit Christina Demetz, Direktorin vom DOLOMITES Val Gardena, der talübergreifenden Dachorganisation der Grödner Tourismusvereine, geht es um genau dieses Spannungsfeld.
Zuerst kam die Holzschnitzkunst, dann kamen die Gäste – waren Handwerk und Kunst also die treibenden Kräfte hinter der heutigen Tourismusdestination Gröden? Oder spielten andere Faktoren wie die Dolomitengipfel, der Ski-Weltcup und Luis Trenker die entscheidende Rolle?
Christina Demetz: Die Holzschnitzkunst hat weniger den Tourismus als vielmehr die Weltoffenheit ins Tal gebracht – und in einem gewissen Maß auch die Geschäftstüchtigkeit. Der touristische Aufschwung kam tatsächlich durch die Bekanntheit der Dolomitengipfel. Gröden war zudem früh ein Zentrum des Skisports. Luis Trenker spielte hingegen am ehesten für Gäste aus dem deutschsprachigen Raum eine Rolle – international war seine Bekanntheit begrenzt.
Holzschnitzkunst, Weltoffenheit und Geschäftstüchtigkeit – wie hängt das alles zusammen?
Um das zu verstehen, bedarf es ein wenig Geschichteunterricht. Wir müssen mehr als 300 Jahre zurückblenden. Damals war das Schnitzen in den Wintermonaten für viele Bauern in diesem alpinen und eher kargen Tal die wichtigste Einkommensquelle. Holz war vorhanden, Zeit ebenfalls. Es entstanden vor allem sakrale Figuren, die unten im Tal und in den Nachbartälern verkauft wurden, viel später auch in andere Regionen und Länder. Dabei spielten die sogenannten Verleger eine Schlüsselrolle. Sie vermarkteten zunächst die sakralen Gegenstände, später kamen andere Holzfiguren und vor allem Holzspielzeug dazu. Und da wären wir bei deiner Frage: Die Verleger holten viele Aufträge ins Tal, lernten, wo sie gute Geschäfte machen konnten. Sie brachten von ihren Reisen unter anderem auch Schmuck und kostbare Stoffe mit – das erklärt auch die üppige Grödner Tracht. Auch architektonische Einflüsse lassen sich noch heute an manchen alten Villen im Tal erkennen. Der ständige Kontakt nach außen – später zusätzlich jener mit den Alpinisten aus dem Ausland – hat die Weltoffenheit der Grödner Bevölkerung gefördert. Die Leute wurden früh mit anderen Sprachen und Kulturen vertraut.
Der Tourismus hat das Kunsthandwerk längst als wichtigste Einnahmequelle verdrängt. Trotzdem verbindet man Gröden nach wie vor mit Holzschnitzkunst und generell mit Kunst. Inwieweit kommen die Urlaubsgäste heute damit in Berührung?
Das Kunsthandwerk hat in der Vergangenheit einige Krisen durchgemacht. Die Zeiten, als jede zweite Familie davon gelebt hat, sind vorbei. Aber wenn die Gäste heute durch unsere Ortschaften spazieren, spüren sie nach wie vor, dass das Holzschnitzen und die Bildhauerei eng mit dem Tal verbunden sind, dass die Tradition weiterlebt. Zum Teil hat sie sich in Richtung Kunst weiterentwickelt – viele Ausführende sind also nicht mehr im Handwerk tätig, sondern als Künstler und Künstlerinnen. Das bringt einen hohen Anspruch mit sich und erklärt auch, warum dieser Weg nicht mehr von so vielen gegangen wird. Gleichzeitig gibt es weiterhin Betriebe, die traditionelles Kunsthandwerk und sakrale Arbeiten herstellen. Die Gäste kommen überall im Tal mit Kunst und Kunsthandwerk in Berührung – in Geschäften, auf Plätzen, auch in den Hotels, wo Werke ausgestellt werden. Und wir als Tourismusorganisation unterstützen diese Sichtbarkeit bewusst.
Welche Wirkung hat dieses besondere Urlaubserlebnis im Vergleich zu austauschbaren, globalen Angeboten?
Es ist auf jeden Fall ein Aha-Erlebnis. Weil es einzigartig ist. Und authentisch. Da wurde nicht etwas erfunden, um Touristen zu gewinnen, sondern zuerst war die Kunst da. Sie ist tief in unserer Identität verwurzelt. Dann erst kamen die Gäste – wie es in der ersten Frage ausgedrückt wurde. Dieses Gewachsene und Ehrliche spüren die Gäste.
Du hast es bereits angedeutet: Es gab Zeiten, in denen die industrielle Produktion die handwerkliche Arbeit zu verdrängen drohte. Wie konnte diese Entwicklung aufgehalten werden?
Zum Glück gab es immer wieder Menschen, die sich bewusst dagegen gestellt haben. Ein entscheidender Moment war die Gründung von UNIKA im Jahr 1994. Acht Holzbildhauer schlossen sich damals zu dieser Genossenschaft zusammen, um sich klar von der industriellen Produktion abzugrenzen und das handwerklich Geschaffene wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Im selben Jahr organisierten sie auch die erste UNIKA-Kunstmesse in St. Ulrich, die sich rasch als fixer Termin im Jahresprogramm etabliert hat. Heute zählt UNIKA 42 Mitglieder, und neben der Bildhauerei sind auch Drechslerei, Kunstmalerei und sogar Fotografie vertreten. Es geht also nicht mehr rein ums Holz, aber immer um die Einzigartigkeit, um das Unikat, wie der Name es vermittelt. Zusätzlich zur jährlichen Kunstmesse findet alle zwei Jahre die IDEA UNIKA statt, eine Kunstbiennale mit Ausstellungen im öffentlichen Raum der Grödner Orte, mitgetragen von Gemeinden und Tourismusvereinen. Die UNIKA organisiert zudem weitere Ausstellungen und Projekte.
Bringen solche kulturellen Angebote neue Gästeschichten ins Tal?
Interessanterweise spricht die Kunstmesse UNIKA mehr Einheimische an – aus dem Tal, aber auch von außerhalb. Die Kunstwerke im öffentlichen Raum werden hingegen vor allem von den Gästen wahrgenommen. Viele finden es spannend, wenn man ihnen den Hintergrund erklärt, und nehmen diese Eindrücke mit nach Hause. Dass Gäste aufgrund dieser Angebote Urlaub in Gröden machen, wäre vielleicht zu hochgegriffen. Sicher ist, dass sie die positive Erinnerung an den Ort beeinflussen.
Nachhaltigkeit wird von Gästen oft zuerst ökologisch oder wirtschaftlich verstanden. Wie kann man ihnen vermitteln, dass auch die kulturelle Nachhaltigkeit ein wichtiger Teil davon ist?
Indem man sie erlebbar macht. Initiativen wie jene der UNIKA sind dafür sehr wichtig, weil sie die Menschen direkt ansprechen und zeigen, dass Kunsthandwerk hier kein „Kunstprodukt“ ist. Ergänzt wird das durch klassische Angebote wie unsere Museen. Das Museum Gherdëina in St. Ulrich hat etwa das „Geoportal“ entwickelt, eine digitale Plattform, auf der Kulturgüter aus der Sammlung und Beispiele der Baukultur vorgestellt und gleichzeitig geografisch eingeordnet werden. Das regt an, die Orte auch zu besuchen und zu erleben. Am wichtigsten ist aber, dass die Tradition im Alltag weiterlebt und von der einheimischen Bevölkerung selbst getragen und geschätzt wird. Das macht kulturelle Nachhaltigkeit glaubwürdig.