Keynote - TourisMUT-Connect26 | © framesbycorradini

Roland Benedikter: Globale Zukunftsinnovationen im Tourismus

  • Inwiefern wir vor einem der größten Umbrüche der Reisegeschichte stehen.
  • Welche 5 globalen Zukunftsinnovationen den Tourismus bis 2040/2050 prägen werden.
  • Wie neue Mobilität, künstliche Intelligenz und digitale Infrastrukturen das Reiseerlebnis verändern.
  • Warum Nachhaltigkeit künftig regenerativ gedacht werden muss.
  • Weshalb sich der Tourismus von der Einheitsdestination zu wertebasierten Angeboten entwickelt.
  • Welche strategischen Fragen sich daraus für Destinationen wie Südtirol ergeben.

Auf aktuellen, internationalen Zukunftskonferenzen wird der Wandel laut: Der Tourismus hat sich vom Randthema zum zentralen Zukunftstreiber entwickelt. Kaum ein anderer Sektor bündelt derzeit so viele globale Innovationsstränge von künstlicher Intelligenz über neue Mobilität bis hin zu Fragen von Identität, Gesundheit und Lebenszeit.

„Wir stehen vor einem historischen Umbruch der Reisegeschichte.“
Roland Benedikter
Roland Benedikter
Eurac Research

In seiner Keynote bei TourisMUT Connect 26 zeichnete Roland Benedikter, Berater der Deutschen Bundesregierung und Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research, ein eindrückliches, wissenschaftlich nachgewiesenes Bild dieser Transformation mit einer zentralen Botschaft: „Wir stehen vor einem historischen Umbruch der Reisegeschichte.“

Das war TourisMUT CONNECT26

Die kommenden Jahrzehnte markieren eine Zäsur. Neue Technologien werden verändern, wie, wohin, warum und sogar mit welcher Erwartung wir reisen. Künstliche Intelligenz, neue Raum- und Zeitwahrnehmungen, grüne Konzepte und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen verschmelzen zu einem neuen Ökosystem des Tourismus: Infrastruktur wird digital simuliert, Mobilität radikal beschleunigt, Urlaubserlebnisse personalisiert, Nachhaltigkeit regenerativ gedacht. Wenn wir diesen Entwicklungen, gerecht werden wollen, brauchen wir die Bereitschaft zum großen Denken.

Grundlage: Evolution der Infrastruktur

1. Neue Reisetechnologien: Die Welt rückt näher zusammen

Reisezeiten werden kürzer, Distanzen verlieren an Bedeutung. Überschallflüge mit 100% nachhaltigem Treibstoff, solarunterstützte Flugzeuge und Hyperloop-Systeme – Vakuumröhren mit Geschwindigkeiten von 700 bis über 1.000 km/h – könnten Kurzstreckenflüge ablösen und europäische Städte nahtlos verbinden.

Für Destinationen wie Südtirol bedeutet das: massiv steigende Erreichbarkeit, potenziell auch aus weit entfernten Märkten wie Asien oder Russland. Im selben Atemzug stellt sich eine unbequeme Frage: Wollen wir diese Form der Mobilität oder führt sie zur Überlastung unserer Räume?

2. Radikale Personalisierung & KI-Integration

Touristische Nachfrage wird künftig vermehrt nach Atmosphären, Emotionen und Bedürfnissen organisiert. Wer zum Beispiel Ruhe sucht, wird von KI-Systemen automatisch an weniger frequentierte Orte gelenkt. In Echtzeit, abgestimmt auf Besucherzahlen, Wetter und persönliche Präferenzen.

Im Hotelzimmer wartet der digitale Concierge: Er übersetzt, kennt den Gesundheitszustand des Gastes, passt Tagesprogramme dynamisch an. Urlaub wird zum hochgradig individualisierten Erlebnis. Gleichzeitig wächst die Herausforderung: Sobald Algorithmen Menschen lenken, wie verhindern wir neue Formen von Gleichförmigkeit und Übernutzung?

3. Immersive Infrastrukturen: Realität und Simulation verschmelzen

Augmented und Virtual Reality ermöglichen es schon heute, Destinationen 1:1 vorab zu erleben. In Südtirol arbeitet das Start-up DOLOTWIN an digitalen Zwillingen der Landschaft: Tourismus, Verkehr, Natur und Infrastruktur werden in Echtzeit simuliert. Es entsteht hier eine neue Branche, die Tourismus, Technologie und Raumplanung verbindet.

Das eröffnet neue Möglichkeiten: Gastgeber können Angebote gezielter planen, optimieren und Erlebnisse bewusster gestalten. Destinationen erhalten neue Instrumente zur Steuerung von Besucherströmen, während Gäste bereits vor der Reise fundierte und informierte Entscheidungen treffen können.

4. Nachhaltigkeit & Ökologische Transformation

Die Zukunft des Tourismus begnügt sich künftig nicht mehr damit, „keinen Schaden zu hinterlassen“. Der Anspruch geht weiter: Orte aktiv zu heilen. CO₂-negative Konzepte, Aufforstungsprojekte, sogenannte „SWAT“-Ansätze, die Reisen als positiven Eingriff in ökologische Systeme definieren.

Tourist:innen werden Teil der Lösung, indem sie beispielsweise Bäume, Landschaften renaturieren, Zeit und Geld in den Erhalt von Lebensräumen investieren. Nachhaltigkeit wird sinnstiftend und wirksam.

5. Robotik

Im Gesundheitsbereich ist Unterstützung durch Roboter längst Realität, im Tourismus wird sie selektiv folgen. Angepasst an Altersgruppen und Zielsegmente werden Roboter als Ergänzung in Service, Pflege und Infrastruktur tätig sein.

Der Einheitstourismus weicht einer starken Differenzierung nach Lebensstilen und Werten:

  • Gender Tourism: Geschlechtsspezifisches Reisen
  • Aging Tourismus: Altersspezifisches Reisen
  • Health Tourism: Gesundheit und Selbstoptimierung, Transhumanismus
  • Workation und Solo-Reisen: Verschmelzung von Arbeit und Urlaub sowie ein Anstieg von individuell organisierten Reisen
  • Nachhaltiges Reisen: Ohne generelles, d.h. sowohl individuelles wie systemisches Nachhaltigkeitsversprechen sinkt der Zuspruch.

Der Wissenschaftler spricht vom entstehenden „Markt der Lebenszeit“, einem der größten Zukunftsmärkte überhaupt. Menschen suchen nicht nur Erholung, sondern ein längeres, besseres, sinnerfüllteres Leben. Südtirol, mit seiner Natur, Gesundheitsinfrastruktur und Lebensqualität, ist dafür prädestiniert.

Doch Differenzierung hat ihren Preis: höhere Komplexität, politischer Diskurs, moralische Abwägungen. Wollen wir Geschlechtertourismus? Wollen wir Hyperloop-Anbindung? Wollen wir globale Hochpreis-Segmente?

Am Ende steht keine technologische, sondern eine strategische Entscheidung: Will Südtirol eine Einheitsdestination bleiben, mit klarer Identität und einfacher Kommunikation? Oder will es sich zu einer hoch spezialisierten Weltklasse-Destination entwickeln, mit unterschiedlichen Angeboten für unterschiedliche Wertgruppen?

„Wenn wir uns aktiv mit der Zukunft beschäftigen, wird sie so werden, wie wir sie haben wollen.“
Wolfgang Töchterle
Director Marketing

Beides hat Vor- und Nachteile, wobei klar ist nur: Nicht zu entscheiden ist keine Option. „Denn“, wie es Wolfgang Töchterle im anschließenden Interview auf den Punkt bringt, „wenn wir uns aktiv mit der Zukunft beschäftigen, wird sie so werden, wie wir sie haben wollen.“

Was wir heute noch als Zukunftsvision diskutieren, ist längst dabei, Realität zu werden. Und es liegt in unserer Hand, wie wir diesen Wandel im Tourismus gestalten.

Learnings:

  • Zukunftstechnologien wie KI, neue Mobilität und digitale Zwillinge verändern Infrastruktur, Nachfrage und Steuerung gleichzeitig.
  • Nachhaltigkeit entwickelt sich von Schadensbegrenzung hin zu aktiver Regeneration von Orten.
  • Der Markt der Zukunft ist ein hoch differenzierter Markt nach Werten, Lebensstilen und Lebensphasen.
  • Destinationen müssen entscheiden, ob sie Einheitsangebote verfolgen oder sich gezielt spezialisieren wollen.
  • Diese Entscheidungen sind technologisch, aber auch gesellschaftlich, politisch und moralisch.

Was denkst du über diese Entwicklungen? Siehst du ihnen positiv oder skeptisch entgegen? Teile deine Meinung gerne in den Kommentaren.

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