Herr Geisel, Sie kennen Völs seit Jahrzehnten. Was macht die Region und ihre Weine aus Ihrer Sicht besonders?
Das Besondere beginnt schon bei der Geschichte. Rund um Schloss Prösels gab es seit Jahrhunderten Weinbau. Viele dieser historischen Weinhöfe sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. In den vergangenen Jahrzehnten wurden einige davon wiederbelebt und mit neuem Leben gefüllt. Allein diese Renaissance ist schon etwas Besonderes.
Dazu kommen die natürlichen Voraussetzungen. Hier ist etwas kühler als in vielen anderen Weinbaugebieten Südtirols. Die Weinberge sind nicht überall den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt, dazu kommen die Fallwinde vom Schlern. Das sorgt für eine andere Aromatik und vor allem für eine andere Säurestruktur. Säure ist das Rückgrat eines Weins. Sie sorgt dafür, dass ein Wein Spannung, Eleganz und Lagerfähigkeit entwickelt.
Die Weine aus Völs haben deshalb oft etwas sehr Eigenständiges. Sie sind nicht auf Wucht, Dichte oder Süße ausgerichtet, sondern eher auf Finesse, Frische und Charakter. Dazu kommt die Kleinheit der Betriebe. Hier produziert niemand für den Massenmarkt. Jeder Betrieb arbeitet sehr individuell und versucht, den eigenen Stil herauszuarbeiten. Das macht die Region spannend.
Viele denken bei Südtirol zuerst an die bekannten Weinbaugebiete. Welche Chancen haben kleine Regionen wie Völs?
Gerade kleine Regionen können Identität schaffen. Die große Gefahr im Weinbau besteht oft darin, zu stark auf Vermarktung und Wachstum zu setzen. Kleine Gebiete haben die Chance, von Anfang an einen anderen Weg einzuschlagen. Sie können sagen: Wir sind klein, wir bleiben klein und wir konzentrieren uns auf das, was uns einzigartig macht.
Wenn man die eigene Geschichte kennt und die Besonderheiten des Ortes ernst nimmt, entsteht etwas, das nicht kopierbar ist. Das ist langfristig oft wertvoller als jede Marketingkampagne.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung des Weinsektors in Südtirol insgesamt? Immer wieder ist von sinkendem Weinkonsum die Rede.
Sagen wir einmal so: Die letzten zwanzig bis dreißig Jahre waren für Südtirols Weinwirtschaft goldene Zeiten. Viele Kellereien und Weingüter konnten ihre Weine sehr erfolgreich vermarkten. Jetzt gibt es eine Phase des Innehaltens, und manche werden nervös. Ich sehe dafür allerdings keinen Grund. Südtirol ist insgesamt sehr gut aufgestellt. Es gibt viele Individualisten, die ständig an der Qualitätsschraube drehen, und gleichzeitig starke Kellereien, die international hervorragende Arbeit leisten. Diese Kombination macht Südtirol zu einem Erfolgsmodell. Die Herausforderungen sind da, aber die Voraussetzungen sind nach wie vor sehr gut.
Sie begleiten die sechs Völser Weinbaubetriebe seit vielen Jahren. Wie hat diese Zusammenarbeit begonnen?
Der Ausgangspunkt war Markus Prackwieser vom Gumphof. Er war einer der Ersten, die begonnen haben, konsequent ihren eigenen Weg zu gehen. Er ist neugierig, fleißig und sehr präzise in seiner Arbeit. Über ihn bin ich stärker mit der Region und den anderen Betrieben in Kontakt gekommen.
Mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass hier mehrere Menschen an ähnlichen Themen arbeiten: historische Höfe, besondere Lagen, hohe Qualitätsansprüche und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Daraus sind viele Gespräche und gemeinsame Ideen entstanden.
Welche Rolle nehmen Sie dabei ein?
Ich sehe mich nicht als klassischen Berater. Ich schreibe niemandem vor, was er tun soll. Meine Rolle besteht eher darin, Fragen zu stellen und die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die bereits vorhanden sind.
Oft sind sich Menschen gar nicht bewusst, welchen Wert ihre eigene Arbeit hat. Die Arbeit am Berg ist mühsam, die Bewirtschaftung anspruchsvoll und die Erträge sind begrenzt. Gleichzeitig entstehen dadurch aber Weine mit einem ganz besonderen Charakter. Ich versuche, diesen Blick von außen einzubringen und aufzuzeigen, was daran außergewöhnlich ist.
Wie haben Sie die Entwicklung der letzten Jahre erlebt?
Sehr positiv. Was mich beeindruckt, ist die Neugier dieser Gruppe. Die Winzerinnen und Winzer reisen, bilden sich weiter und schauen sich an, was in anderen Regionen passiert. Sie überlegen sich sehr genau, was zu ihren eigenen Bedingungen passt.
Diese positive Unruhe ist wichtig. Selbstzufriedenheit ist auch im Weinbau eine große Gefahr. Wer glaubt, bereits alles erreicht zu haben, bleibt stehen. Die Völser Betriebe haben sich ihre Offenheit bewahrt und entwickeln sich deshalb kontinuierlich weiter.
Funktionieren persönliche Formate wie die „Weinverabredung“, die die Völser Winzer ins Leben gerufen haben, besser als klassische Weinverkostungen?
Veranstaltungen wie Weinproben schrecken oft ab, da sie vordergründig als Verkaufsveranstaltung wahrgenommen werden. Andere sind zu technisch, das interessiert nicht unbedingt ein breites Publikum. Die „Weinverabredung“ ist anders ausgelegt: Die Winzerinnen und Winzer laden direkt auf ihre Höfe ein, führen durch Weinberge und Keller und geben Einblicke in ihre tägliche Arbeit. Eingebettet ist das Ganze in ein zur Saison passendes lokales Kulinarik-Konzept, wobei der Wein immer im Mittelpunkt steht. Die Weinverabredung ist aber auch als Format gedacht, das andere Winzerinnen und Winzer anspricht – das macht es nochmal spannender. Sie begegnen sich, sprechen über den Jahrgang, über Rebsorten, über Ausbaumethoden etc. Sie qualifizieren sich sozusagen gegenseitig und so entstehen neue Ideen. Die meisten Menschen verbinden Wein mit einem Anlass, mit Freunden, mit einem schönen Ort oder mit einer besonderen Erinnerung. Die Weinverabredung ist dafür ein gutes Beispiel. Wein wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern gemeinsam mit Kulinarik, Landschaft und den Menschen dahinter erlebt.
Die sechs Weinbaubetriebe treten zunehmend gemeinsam auf und entwickeln gemeinsame Formate. Wie wichtig sind solche Netzwerke für die Entwicklung einer Region?
Sehr wichtig. Wein allein ist attraktiv, aber nicht attraktiv genug. Erst das Zusammenspiel mit Kulinarik, Landschaft, Kultur und Gastfreundschaft schafft ein starkes Gesamtbild. Eine Region braucht ein Profil. Wenn Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus zusammenarbeiten, entsteht etwas, das größer ist als die Summe seiner Teile. Genau darin liegt die Stärke solcher Netzwerke.
Viele Projekte richten sich an Gäste. Sie betonen oft die Bedeutung der Einheimischen. Warum?
Weil jede Entwicklung vor Ort beginnen muss. Die lokale Bevölkerung ist der Kern. Wenn die Menschen stolz auf das sind, was entsteht, erzählen sie davon weiter. Freunde bringen Freunde mit, Familien empfehlen Veranstaltungen weiter und daraus entsteht Schritt für Schritt eine größere Bewegung.
Wenn man dagegen ausschließlich für Gäste plant, fehlt oft die Basis. Die stärksten Entwicklungen entstehen von innen nach außen.
Nimm diese Learnings mit:
Kleinheit als Stärke. Kleine Weinregionen müssen nicht mit bekannten Herkunftsgebieten konkurrieren. Wer die eigene Geschichte kennt, besondere Standortvorteile nutzt und auf Qualität setzt, kann ein unverwechselbares Profil entwickeln.
Zusammenarbeit schafft Mehrwert. Formate wie die Weinverabredung zeigen, dass Winzer:innen, Gastronomie und Tourismus gemeinsam mehr erreichen als allein. Gleichzeitig fördern solche Begegnungen auch den fachlichen Austausch und die Weiterentwicklung innerhalb der Branche.
Die besten Botschafter:innen leben bereits vor Ort. Wenn Einheimische stolz auf das sind, was in ihrer Region entsteht, tragen sie diese Begeisterung weiter.